Hörgewohnheiten im Wandel der Zeit
Der Wandel des Hörverhaltens lässt sich am
besten an Jugendlichen erklären. Kaum eine Bevölkerungsschicht
wird in so hohem Maße von der Musik beeinflusst. Jugendliche
verbringen den größten Teil Ihrer Freizeit damit, Musik
zu hören oder selbst zu machen. In Discotheken, Clubs und zahlreichen
Bars läuft Musik gediegen im Hintergrund und sorgt für die
nötige Stimmung. Eine Vereinheitlichung der Musik ist durch die
verschiedenartige Nutzung nicht möglich. Im Wandel der Zeit wurde
der Musik eine völlig neue Bedeutung beigemessen. In den 20er
und 30er Jahren gab es keine klare Abgrenzung zwischen erwachsener
und jugendlicher Musik. Die fehlenden technischen Voraussetzungen
sorgten in aller Regel dafür, dass sich die Familie gemeinsam
vor dem Radio oder Plattenspieler gesellten. In aller Regel wurde
die gehörte Musik von den Eltern bestimmt, so dass den Jugendlichen
jegliche Entscheidungsfreiheit genommen wurde.
Hinzu kommt, dass nicht jeder Haushalt über einen Plattenspieler
oder über ein Radio verfügte. In aller Regel war das nur
besser gestellten Familien vorbehalten. Musik in den 20er und 30er
Jahren wurde eher allgemeingültig gehalten. Ohne Emotionen hervor
zu rufen, wurde der ganze familiäre Rahmen angesprochen. Dennoch
kamen Schallplattenspieler und Radio besonders bei Jugendlichen sehr
gut an. Selbst Standes- und Klassenunterschiede, wurden die gemeinsame
Nutzung dieser Medien überwunden. Erst mit Einführung der
Tanzmusik und dem Jazz Ende der 30er Jahre wurde die Jugend explizit
angesprochen. Obgleich die Musikrichtungen für Erwachsene und
Jugendliche gleichermaßen geeignet war, fanden sich vor allem
Jugendliche in den Jazz-Clubs wieder.
Erst Anfang der 50er Jahre kann man davon sprechen,
dass sich eine eigene Jugendkultur entwickelt hat. Mit der zu der
Zeit vorherrschenden Pop-Musik konnte sich die Jugend nicht mehr identifizieren.
Vielmehr kam die Stilrichtung des Rock und Rock and Roll zum Tragen.
In den 5oer Jahre vorherrschende Popmusik war noch immer von den Zügen
der klassischen Musik (Orchestermusik) geprägt. Durch die mangelnde
Möglichkeit, Gefühle aber auch Proteste zum Ausdruck zu
bringen, war der Rock eine gelungene Abwechslung.
Auf dem Weg vom Pop zum Rock and Roll kam zuerst der
RNB. Die Faszination dieser Musikrichtung lag vor allem darin, dass
die Rhythmen klang- und schwungvoll waren, somit ein Mittanzen möglich
war und durch die Einfachheit der Harmonien und Melodien sogar ein
Nachahmen der einzelnen Musikstücke möglich war. Selbst
die untersten Schichten, die aufgrund fehlender finanzieller Mittel
nicht in der Lage waren, eine Musikschule zu besuchen, konnten nun
mit Trommeln und anderen Instrumenten Musik nachahmen. Dank der Industrialisierung
dauert es nicht lange bis Musik über Radiostationen, über
Schallplatten und über Konzerte in die breite Masse hinausgetragen
wurde. Durch diese mannigfaltigen Möglichkeiten kristallisierte
sich schnell der Rock and Roll heraus, der im eigentlichen Sinne den
ersten jugendlichen Musikstil darstellte. Die Rock and Roll Künstler
der damaligen Zeit waren allesamt jung und dienten somit als Vorbild
und Idole. Selbst die Herkunft aus unterschiedlichen Schichten und
Klassen diente den Jugendlichen als Identifikation.
Von der Erwachsenenwelt kategorisch abgelehnt, habe
Jugendlichen nun endliche eine Plattform, um ihre Gefühle und
ihre Bedürfnisse erstmal zum Ausdruck zu bringen. Die Abneigung
der Erwachsenen gegenüber Rock and Roll zeigt sich vor allem
darin, dass etwaige Konzerte oder Tanzveranstaltungen zum größten
Teil nur von Jugendlichen besucht wurden. Hier konnte erstmals die
starke Abgrenzung zwischen jugendlicher und erwachsener Musik festgestellt
werden. In den 60er und 70er Jahren bildete Musik so zu sagen den
Lebensinhalt der Jugendlichen. Nicht mehr nur als gelegentlicher Hörgenuss
sondern vielmehr als Freizeitbeschäftigung praktiziert, wurden
Songtexte analysiert, Musikstücke selbständig nachgespielt
und die ersten Jugendbands bildeten sich heraus. Das Musik ein wesentlicher
Lebensbestandteil geworden ist, lässt sich darin verdeutlichen,
dass die Jugendlichen ihr Geld zum größten Teil nur für
Schallplatten bzw. Konzerte und etwaige Musikveranstaltungen ausgegeben
haben. Erstmalig bildeten sich auch Kneipen und Clubs heraus, die
direkt ihre Ansprache an die Jugendlichen richteten. Obgleich Erwachsene
in diesen Clubs mehr oder weniger nicht erwünscht waren, haben
diese sowieso den Weg dorthin gemieden.
Aufgrund der Kommerzialisierung verlor der Rock and
Roll ende der 60er Jahre schnell an Bedeutung. Was früher Ausdruck
der jugendlichen Gefühle war, wurde nunmehr vereinheitlicht und
in eine Form gebracht. Auf der Suche nach einer neuen Ausdrucksmöglichkeit
entwickelte sich auf diese Weise schnell die nun bekannte Rock-Musik.
War der Rock and Roll für die Eltern schon eine wahre Nervenprobe,
schaffte der Rock nun eine totale Ablehnung. Rock macht sich zu Nutze,
die verschiedenen Bedürfnisse, die eben auch aufgrund der verschiedenen
Schichten und Klassifizierungen anzutreffen war, zum Ausdruck zu bringen.
Gesellschaftliche Kritik und etwaige Missstände wurden eindrucksvoll
in den Liedern verpackt. Im Unterschied zum bereits bestehenden Pop
und Rock and Roll zeichnete sich Rock durch die direkte Aussprache
der Probleme aus. Es wurde kein Blatt mehr vor den Mund genommen,
sexistische Inhalte wurden verwendet und die Kritik wurde beim Namen
genannt.
Dem Rock ist ferner die konkrete Abgrenzung zwischen
Jugend und Erwachsenenwelt zuzuschreiben. Jugendliche lösten
sich von ihren Eltern, versuchten ihren Protest in der Rockmusik auszuleben
und ihre Wünsche und Vorstellungen zu festigen. Wie nicht anders
zu erwarten, wurde der Rock auch schnell kommerzialisiert, so dass
sich wiederum neue Musikrichtungen ausprägten. Für den Protest
beispielsweise ist der Punk maßgebend. Ende der 70er Jahre wurde
dieser zur Maßgabe von Protest und Provokation.
Musikrichtungen wie Heavy Metal, Blues, Jazz oder auch
Pop individualisierten sich immer mehr, so dass sich eine Anhängerschaft
für die jeweilige Musikrichtung herausbilden konnte. In der heutigen
Zeit ist es schwer, Jugendliche einer bestimmten Musikrichtung zuzuordnen.
Zu groß ist das Spektrum an Nischen und Musikrichtungen. Sicher
spielt der Mainstream heute eine große Rolle, wird vor allem
von Radiostationen und Musiksendern gespielt und schafft eine breite
Akzeptanz in der Bevölkerung. An diesem Punkt werden Erwachsene
und Jugendliche wieder vereint. Durch die immer wiederkehrenden Stilelemente
der Musik finden sich auch heute in der aktuellen Chartmusik Elemente
aus Pop, Jazz, Rock, RNB oder auch Punk wieder. Hinzu kommt, dass
die multimediale Weiterentwicklung dafür gesorgt hat, dass nicht
nur Vinylschallplatten zur Verfügung stehen. Ob CD, MP3 und mittlerweile
auch Handy-Klingeltöne, der Vielfalt der Musik sind keine Grenzen
mehr gesetzt. Kaum ein Jugendlicher weiß heute noch, es sei
denn, er ist ein DJ, wie ein Plattenspieler zu bedienen ist.
Was in den 70er Jahren noch der Schallplattenspieler
war, der gewissermaßen nur unter einiger Anstrengung bedient
werden konnte, wurde schnell durch die Musikkassette abgelöst.
Hier bot sich erstmals die Möglichkeit für die Jugendlichen,
eigene oder präferierte Musikstücke selbständig mit
dem Kassettenrecorder aufzunehmen. Gerade in den zahlreichen Chartshows,
die am Wochenende über die Radiosender liefen, konnten individuelle
Tonträger zusammengestellt werden. Das anwählen einzelner
Musikstücke, welches bei einer Schallplatte nur durch das Bewegen
des Tonarmes möglich war, konnte durch das individuelle Vor-
und Zurückspulen eines Kassettenrecorders abgelöst werden.
Eine weitere Revolution war selbstverständlich die Einführung
der CD ende der 80er Jahre. Hier war es erstmals möglich, lediglich
per Knopfdruck ein gewähltes Lied anzuspielen. Im Gegensatz zu
heute wurden CDs nur zum abhören von Liedern genutzt, so dass
eine Individualisierung des Mediums erst Ende der 90er eintrat.
Mit den heutigen Möglichkeiten, die Jugendlichen
zur Verfügung stehen, haben die Vorgängerjahre nichts gemein.
Selbst die alt gediegene Kassette hat wieder ausgedient. Mittlerweile
stehen CDs oder auch Dateien aus dem Internet hoch im Kurs. Die Möglichkeit,
Musik aus dem Internet herunter zu laden, bietet die Möglichkeit
individuelle CDs zu erstellen. Hinzu kommt, dass Musik durch diese
Medien weit günstiger geworden ist. Ein Musik-Download aus dem
Internet ist weit günstiger als der Kauf einer kompletten CD.
Die sozialkritischen Aspekte, die in der Musik wieder
zu finden sind, haben sich im Laufe der Zeit ebenfalls verändert.
Während die unteren Schichten eher Spaß an der Musik hatten
und sich an den Beats erfreuten, legten höhergestellte Jugendliche
vor allen Dingen Wert auf den Inhalt der Musik. Diese waren es auch,
die die finanziellen Mittel hatten, um an den zahlreichen Tanzveranstaltungen
und Konzerten zu partizipieren. Ein weiterer Unterschied lässt
sich beispielsweise auch heute noch zwischen der studentischen und
arbeitenden Bevölkerung feststellen.
Während die Studenten die Möglichkeit haben, Arbeit und
Freizeit eindeutig zu trennen, fehlt in der arbeitenden Bevölkerung
mitunter die Zeit, den Musikgenuss richtig ausleben zu können.
Vielmehr ist Musik zwar ein fester Bestandteil des Lebens geworden,
wird aber nur nebenbei empfunden. Nicht ohne Grund hat Musik in der
studentischen Bevölkerungsschicht eher einen intellektuellen
Wert und setzt auf Ästhetik und Kultur.
Die Identifizierung Jugendlicher mit Musik spielt auch
heute noch eine große Rolle. Dank der breiten Masse an Musikstilen
hat jeder Jugendliche die Möglichkeit, sein Idol zu finden. Identifikation
kann dabei sein, die Musik nachzuahmen, die Musikinhalte zu leben
oder beispielsweise auch den Kleidungsstil und den Lebensstil komplett
an die Musikrichtung anzupassen.
Es ist interessant zu beobachten, dass gerade 10- bis 15-jährige
Jugendliche oder Kinder ihren Idolen am meisten nachahmen. In der
heutigen Zeit artet die Identifikation in dieser Altersgruppe meinst
in Fanatismus aus. Jede Zeitschrift, jeder Schnipsel, jede CD oder
jede DVD werden gekauft. Auch wenn das Taschengeld nicht immer ausreichend
ist, werden zahlreiche Opfer gebracht, um den Stars nahe zu sein,
um sie live erleben zu können. Hier steht vor allem der Kommerz
im Vordergrund. Weniger auf die Musikinhalte achtend, schafft diese
Gruppe eine Identifikation über optische Reize. Erst mit 16 oder
17 erfolgt eine direkte Identifikation mit den Musiktexten. Gerade
die Musikstile Punk, Gothic oder auch Heavy Metal werden zu einer
persönlichen Ausdrucksform, die Texte werden explizit wahrgenommen,
und auch in Gesprächen mit anderen Jugendlichen ausgewertet.
Die Wirkung von Musik lässt sich natürlich
auch an den Geschlechtern ausmachen. Dass Jungen und Mädchen
Musik anders empfinden liegt meist an der Interpretation der Texte
und natürlich an den optischen Reizen der Musikidole. Während
Mädchen in erster Linie von der Optik angesprochen werden, und
musikalische Inhalte eher eine untergeordnete Rolle spielen, achten
Jungs verstärkt auf die inhaltlichen Aussagen. Hinzu kommt, dass
bei Mädchen die Bindung zur Familie weitaus stärker ist.
Sie üben viel weniger Protest aus und folgen den Weisungen ihrer
Eltern. Jungs hingegen haben eine ganz andere Plattform. Sie bewegen
sich außerhalb des elterlichen Zugriffsbereiches, treffen sich
zu sportlichen Veranstaltungen oder auch zu einem Bier in der Kneipe.
Das stereotypische Verhalten von Jugendlichen ist ebenfalls
ausschlaggebend. Während Mädchen sich lieber in ihren eigenen
vier Wänden aufhalten, in Illusionen und Träumen schwelgen
und diese mit ihren Freundinnen teilen, suchen die männlichen
Zeitgenossen eher das Abenteuer. Die Lebensinhalte von jugendlichen
Mädchen sind vor allem Kleidung, Musik, aber vor allem auch die
Jungs. Männliche Jugendliche widmen sich in einem Alter von 14
bis 16 Jahren vor allem ihrer persönlichen Entwicklung. Das Herausprägen
eines persönlichen und individuellen Charakters steht hier im
Vordergrund. In aller Regel sind die Musikinhalte auf Aggressivität,
Arroganz und Selbstbewusstsein ausgelegt.
Eine derartige Jugendkultur herrschte bis in den 60er
Jahren nicht vor. Erst mit der Musik als Medium wurde eine klassen-
und schichtenübergreifende Verständigung geschaffen. Selbst
die Mittelklasse blickte plötzlich auf die Arbeiterklasse herab,
versuchte sich ein Bild von deren täglichem Leben zu machen und
ahmte mitunter die eine oder andere Aktivität nach. Anders als
die Mittelschicht verfügte vor allem die Arbeiterjugend über
eigene gesetzte Spielräume. Ein Straßenabschnitt wurde
als eigenes Revier angesehen und die Bindung zu den Eltern wurde aufgrund
des eigenen Verdienstes bereits in jungen Jahren zurückgenommen.
Die Jugendgruppe an sich wurde zu einem adäquaten Familienersatz,
mit dem alltägliche Probleme besprochen werden konnten. Gerade
im jugendlichen Alter, mit Beginn der Pubertät, entstehen Themen,
die ohne weiteres nicht mehr mit den Eltern zu diskutieren sind. Der
freundschaftliche Rat wurde schnell wichtiger als die erhobene Hand
der Eltern. Gemeinsam wurde der Weg von der elterlichen Loslösung
zur eigenen Familie begangen. Jugendliche haben noch heute das Problem,
praktisch in einer Zwischenwelt zu leben. Heraus aus dem Kindesalter,
jedoch aber noch kein vollwertiges Mitglied der Erwachsenenwelt, sind
Verständigungsprobleme noch heute an der Tagesordnung.
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